Einkehr in Willingen

Nach zwei langen Etappen sollte es heute eine kürzere sein, das hatten Schweinehund, Frau Komoot und ich einstimmig beschlossen. Außerdem wollte ich unbedingt in Willingen Station machen. Zwar eine Woche zu spät für den Skisprung-Weltcup, aber wenigstens in Erinnerung an ein vergnügliches Familien-Weltcup-Wochenende vor zwei Jahren. Also: 14 Kilometer bis zum Ziel!

Das Wetter war frühlingshaft mild (13 Grad), aber der Wind blies nach wie vor so streng, dass ich zwischendurch auf den unbewaldeten Höhen auch mal unfreiwillig einen Satz nach rechts machte. Aber zumindest waren die Ohren heute nicht schockgefroren…

Es ging wiederum über Feld, Wald, Wiesen und auch mal an der Landstraße entlang, was an einem Sonntagvormittag jedoch kein Problem war. Schweinehund trottete gemütlich neben mir her und hatte gar ein Liedchen auf den Lippen. Wenn mich nicht alles täuscht, war es „Hoch auf dem gelben Wagen“… 😉

Auf diverse Nachfragen hin, ob ich denn pilgern wolle, habe ich ja immer geantwortet, nö, nur wandern. Deswegen habe ich ja auch den E1 gewählt und nicht einen der vielen Jakobswege.
„Pilger“, so lernen wir auf Wikipedia, stammt vom lateinischen „peregrinus“ und bedeutet „in der Fremde sein“ und dies aus Glaubensgründen, zumeist eine Wallfahrt zu einem Pilgerort unternehmend, gerne zu Fuß. Aha!
In der Fremde sein: ja; zu Fuß: ja; aus Glaubensgründen: hm…? Und gilt Stuttgart als Pilgerort?
Den Jakobsweg hatte ich ja schon touchiert, und dann lag heute doch tatsächlich kurz vor Willingen eine Pilgerkirche am Wegesrand.

Ich dachte bei mir, anschauen kann man sich das ja mal, doch kaum hatte ich die Schwelle übertreten, liefen auch schon die Tränen und hörten auch so schnell nicht wieder auf. Es war wohl an der Zeit, das eine oder andere loszulassen heute. Schweinehund saß treu mit ner Packung Tempos neben mir.

Nach so viel innerer Einkehr brauchte ich in Willingen erst mal eine äußere und so bogen wir gleich in die erstbeste Kneipe ab auf eine Sahneschnitte (heute mit Waffelgeschmack), eine Saftschorle und die Biathlon-Live-Übertragung von der WM in Antholz.

Im Hochsauerland ist man auf den Winter vorbereitet, allein der Schnee fehlt.

Bevor jetzt jedoch jemand vor Mitleid vergeht ob der armen Hoteliers und Kneipenbesitzer, die bei Schnee-Abstinenz auf ihren Hotelbetten und Jagertees sitzen bleiben, hier meine neuen Erkenntnisse zum Örtchen Willingen (aus erster Hand von meinem Hotelmaster):
1. Zum Skispringen braucht man keinen natürlichen Schnee, EIN Wochenende, nämlich das des Weltcups, ist also gerettet.
2. Willingen ist mitnichten nur ein Wintersportort, sondern ein zweites Mallorca in Sachen saufen und sonstigen Vergnügungen.
3. Von Dortmund aus ist man in zwei Stunden mit dem Zug hier oben, so dass sich daselbst am Wochenende Kegel-, Fußball- und sonstige Vereine sowie Junggesellenabschiede des gesamten Ruhrpotts tummeln.
4. Von Willingen aus führt eine Seilbahn auf den Ettelsberg.
5. Auf dem Ettelsberg gibt es „Siggis Hütte“, eine „belebte deutsche Gaststätte in Berglage“, in der sich dann – egal ob Schnee oder nicht – hunderte Frohnatürler die Kante geben und danach in einer der 107 Kneipen und Bars im Tal weitersaufen.
6. Am Vatertag (für Pilger: Himmelfahrt) sind es derer bis zu 8.000!
7. Sachen gibt‘s!

Der heutige Bembel geht an die Pilger-Kirchen-Gestalter*innen für die Schaffung eines wunderbaren Ortes, der Raum gibt für das, was grade dran ist.

Ein Kommentar zu “Einkehr in Willingen

  1. Liebe Silke!
    Du warst in Schwalefeld und hast Tränen vergossen….
    Dann hast du jetzt eine kleine Vorstellung, wo wir mit den Rädchen durch den Wald fahren! Hier sitze ich auch gerade wieder, schaue auf den Orenberg und kichere über deine Photostrecke über Willingen. Einen Ort, den wir trotz des verheißungsvollen Endes der Durststrecke gerne großzügig umradeln.
    Ich bin vorgestern-inspiriert durch deine Blogeinträge- erstmals 13 km gewandert. Es war wunderbar und höllisch anstrengend. Wir haben eine ausgebüchste Kuh im Wald getroffen und gegen Ende hat mir dieser Schweinehund, von dem du gerne schreibst, Dinge zugeraunt….
    Viele Grüße aus dem Sauerland nach Bremen! Petra

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