Gratwanderung

Vergleicht man die Provence mit dem Sauerland, wahlweise mit dem Westerwald, fällt einem bei genauem Hinsehen doch der eine oder andere Unterschied auf. Hier zwei Beispiele 😉

Das heutige Frühstück nahmen wir, wie sich das gehört, unaufgeregt französisch in einem kleinen Café ein und fuhren dann mit dem Bus zum Ausgangspunkt unserer Wanderung. Wir wollten auf den Montagne Sainte-Victoire klettern, den Berg, den Paul Cézanne (ein Sohn der Stadt Aix-en-Provence) unzählige Male gemalt hat. „Nur“ 14 Kilometer, aber ein knackiger Auf- und Abstieg (720 Höhenmeter) und dazwischen eine herrliche Wanderung auf dem Grat.

Leider habe ich versäumt, den Berg von unten zu fotografieren – da musste ich mir jetzt mal eben ein Bildchen aus dem Internet leihen (1. Reihe, links). Aber alle anderen Bilder sind – ich schwöre – heute entstanden. 11 Stunden Sonne, azurblauer Himmel, knapp 20 Grad, leichter (oben etwas stärkerer) Wind – ein grandioser Tag, und das fand auch Schweinehund. Der war heute sowas von gut gelaunt!

Nach dem Aufstieg gab es oben zunächst eine kleine Einsiedelei und das Croix de Provence – das Kreuz der Provence. Danach folgte eine wunderschöne Wanderung entlang des Grats. Und ja, der aufmerksame Betrachter hat es möglicherweise schon gesehen, von oben sah man die schneebedeckten Alpen am Horizont. Aber nicht nur das. Auch in die anderen Richtungen waren die Ausblicke grandios! Da fiel es fast ein wenig schwer, den Abstieg in Angriff zu nehmen. Wir hatten uns nicht um eine Rückfahrtmöglichkeit gekümmert, aber unten angekommen stand wie durch ein Wunder ein Bus für uns bereit. (Natürlich nicht extra für uns, ein Linienbus, so ein Zufall, aber was ist schon Zufall?) Wir rein, Türen zu und los! Toll!

Wieder in Aix-en-Provence warfen wir kurz im Appartement unseren Rucksack ab und trabten sogleich – noch in Wanderklamotten – in die Altstadt, um ein Sahneschnittchen zu essen. Leider hat Aixens Sahneschnittentempel Nr. 1 seit heute wegen Umbaus geschlossen (gestern saßen da die Sahneschnitten-Liebhaber noch zuhauf; deshalb an dieser Stelle ein sehr rotes, sehr grimmiges Emoji!) und so haben wir es uns in der Bar nebenan – natürlich draußen! – gemütlich gemacht. Sahneschnittenlos sind wir zu den alkoholischen Getränken übergegangen und haben Menschen gekuckt. Dabei kamen wir zu folgenden Erkenntnissen (die hier bewusst plakativ dargestellt werden):
1. Sehr viele französische Männer sehen sehr gut aus (die Frauen bestimmt auch).
2. Viele Menschen hier sehen aus wie gemalt. Möglicherweise weder Wunder noch Zufall in der Geburtsstadt Paul Cézannes?!
3. Des Franzosen liebstes Kleidungsstück ist ein völlig verlotterter, ausgebeulter Wollpulli, der viele seiner Träger erstaunlicherweise ungemein kleidet.
4. Es macht was mit den Menschen, in Aix-en-Provence statt im Sauerland zu leben.

Man könnte sagen: Ein ziemlich perfekter Tag.

Einer Empfehlung folgend verleihe ich an diesem ziemlich perfekten Tag den Bembel meiner Schwester mit ihren spontanen Ideen und ihrer Reiselust. Ohne sie wäre ich heute im Dauerregen durch den (sicherlich auch hübschen) Westerwald getrabt.

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