Staatsgrenze

Der gestrige Pausentag bei der Gruberin hat Füßen und Seele gut getan. Während die Frau Gruber meine Wäsche in die Waschmaschine stopfte („Ja, des is doch klar, wenn’s scho so lang unterwegs san.“) genoss ich das sensationelle Häppchen-in-Gläschen-Frühstück, bei dem uns auch jeder sonstige Wunsch von den Augen abgelesen wurde („Sie soll‘n sich doch wohlfühl‘n, ge?“). Derweil plauderte ich mit Anja und Andreas aus Duisburg, die mit ihrem geretteten rumänischen Straßenhund Wilma im Hotel Gruber Urlaub machen.

Danach legte ich die Füße hoch – mal aufm Bett (schnarch), mal im Salon auf der Chaiselongue (les), mal auf der Himmelsliege vorm Haus (Aussicht genieß).

Schweinehund döste mit Wilma auf der Terrasse im Schatten und Frau Komoot baldowerte neue Touren aus.

Dort im Hotel Gruber in Herzogau herrscht fast klösterliche Ruhe, was durch die nahe Kapelle samt ehemaligem Pfarrhaus noch verstärkt wird. Leider hat das alte Pfarrhaus jüngst der Bruder vom Bürgermeister gekauft wie wir auf Nachfrage erfuhren. Der – so ergaben die Recherchen, die ich mit Wilmas Herrchen Andreas anstellte – ist Architekt und wohnt in Prag.

Da kann man nur hoffen, dass der eine gute Idee hat. Das hofft auch die Frau Gruber, denn sie schlug flehentlich vor: „Könnten Sie sich ned mit dem zamdun und was Schön’s draus machen?“.

Ansonsten gibt es einige bizarre Details in Herzogau zu bestaunen:

Zum einen das „Museum derer Voith von Voithenberg“, einem alten, bayerischen Adelsgeschlecht, das der Hofmark Herzogau zu einigem Reichtum verhalf.
Zum anderen das Grab von Flieger-Oberfeldwebel Franz Xafer Meirelsperger auf dem Friedhof. Liebe Leute, ich bin sprachlos – da prangt doch tatsächlich eine Stahlhelm-Imitation auf dem Birkenstamm- samt Eisernem Kreuz. Und das Grab wird ganz offensichtlich treu gepflegt!

Zum Dritten die zentrale Dienst-Hundeschule der bayerischen Polizei (ohne Bild) – ja, sowas gibt’s!

Der Abend verflog auf der Hotel-Terrasse mit leckerem Essen, lustigen Gesprächen und diversen Weißweinschorlen.

Heute Morgen gingen wir früh los, denn es versprach, heiß zu werden. Dennoch glichen – ausgeruht wie wir waren – die 19 Kilometer bis Furth im Wald eher einem längeren Spaziergang. Schweinehund war äußerst guter Dinge.

Zunächst führte ein steiniger Waldpfad zum Klammerfelsen und dem dazugehörigen Turm; die Aussichten waren jedoch diesig.

Der folgende Weg ging in einem angenehmen Auf und Ab durch den Wald, wobei wir bedingt durch Hitze und Hörbuch auf den Ohren tatsächlich zweimal falsch abbogen. Augenverdreh!

Erfreulicherweise lag nach sechs Kilometern der Berghof Gibacht am Wegesrand, und ich konnte gar nicht so schnell gucken, wie Schweinehund vor der Theke saß und ne Saftschorle und ein Sahneschnittchen bestellte.

Danach machte der Weg eine 90°-Wendung und führte schnurstracks zur deutsch-tschechischen Grenze mitten im Wald.

Es handelt sich hierbei nicht nur um eine LANDESgrenze, oh nein, sondern um eine STAATSgrenze, und damit hinterher niemand sagen kann, er habe das nicht gewusst, haben sie ein paar unübersehbare Schilder dort aufgestellt.

In der Schutzhütte vor Ort saßen der Max und die Daniela, wobei die Daniela nur Staffage war. Der Max war früher (früher, vor 1989, eiserner Vorhang und so) Grenzer und ist hier angeblich zu Fuß durch den Wald patrouilliert. Heut ist er bei der Bergwacht und auf dem Weg zu seinem Kumpel in der Robert-Hütte, um mit dem ein Bierchen zu zischen. Na dann: Oans, zwoa, gsuffa!

Drei in den Fels gemeißelte Wappen – weswegen der Ort „Dreiwappen“ heißt, haha! – zeugen von GANZ früher (1766, Königs und so), als die Maria Theresia in Wien regierte und Grenzverträge mit dem bayerischen Kollegen schloss.

Ein Highlight jagte heute das nächste. In rascher Folge passierten wir das Kreuzeck (Fels mit Kreuz), den Aussichtspunkt Tannenriegel (mit dem Kunstwerk „Leuchtturm der Menschlichkeit“) …

… und stießen dann am Glaskreuz am Reiseck erstens auf eine Aussicht und zweitens auf eine Gruppe lustiger Wandergesellen, die mich in ein Gespräch über deutsche Fernwanderwege verwickelten. Es war heute eine sehr kommunikative Etappe.

An der Robert-Hütte auf dem Gaißriegel empfing mich der Chef der Further Bergwacht (der Kumpel vom Max) mit einem Bier und den Worten: „Da ist ja die Goldsteig-Wanderin!“ (Max hatte mich also offenbar angekündigt).

Und dann zeigte er mir stolz seine Hütte, an der am kommenden Wochenende das jährliche Gaisriegel-Bergfest stattfinden wird, mit DREI Blaskapellen, sonntäglicher Bergmesse und weiteren volkstümlich-bajuwarischem Traditionen.

Die Hütte war früher das Teehaus des nahe gelegenen Schlosses Voithenberg (da isser wieder, der Voith). Heutzutage ist das Schloss ein Geisterschloss und liegt da verlassen in der Landschaft rum.

Bei mittlerweile ziemlicher Hitze absolvierte ich die restlichen Kilometer bis Furth im Wald und genehmigte mir dort erst mal einen Joghurt-Erdbeer-Eisbecher.
Die Stadt und mein Quartier wären schon der Rede wert (komplett Baustelle und das Zimmer eine Beleidigung für die Augen), aber es ist spät und ich will morgen früh los. Das Thermometer soll über 30° klettern. Da heißt es: Morgens möglichst viele Kilometer machen und zu Mittag ein Bier trinken und ein bissel pfeifen.

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