Himmelsleiter

Dienstag, 27.06.2023:
Liebe Leute, es lief ganz gut! Innerliches Gut-Wetter-machen hilft also (siehe letzter Blog-Eintrag)! Aber auch die äußerlichen Wettergöttlichkeiten meinten es gut mit mir für meine persönliche Königsetappe von 32,5 Kilometer und 1.450 Höhenmeter im Anstieg. Bei nun kühleren Temperaturen und Heiter-bis-Wolkigkeit ging es von Buchenau über den großen Rachel (Berg) zum Lusen (Berg) und dort zum Lusenschutzhaus.

Nach ausgiebiger Belatscherung hat mir meine Buchenau-Wirtin (nicht freundlicherweise, aber immerhin) das Frühstück schon um 7:30 Uhr kredenzt, so dass ich 8:15 Uhr auf dem Weg war.

Schweinehund schlief noch ne Runde im Rucksack, während ich nach Frau Komoots Anweisung – nein, genau! – nicht irgend ‘ne Abkürzung nahm, sondern bravstens die 400 Höhenmeter bis zum Abzweig am Lindbergschachten wieder hoch stapfte zum Goldsteig.

Von dort ging es aufs Wunderbarste teilweise auf Bohlenwegen durch sog. Filze (Moore) mit Tümpeln, Moorflächen, Totholz, Wollgras undsoweiter. Schweinehund (wieder wach) kriegte sich gar nicht mehr ein vor Begeisterung!

Diverse Schachten und Filzgewässer später, um genau zu sein bei Kilometer 13, begann der extrem anstrengende, weil steile Aufstieg auf den Großen Rachel.

Weiterhin begleitete mich diese großartige Mischung aus Totholz (so heißt das!) und kraftstrotzenden jungen Bäumen. Dazu vielleicht folgender Hinweis: Der Bayerische Wald war schon in den 1990er Jahren von Borkenkäfer und Co. betroffen und nach der Devise „Dem Wald nix tun“ hat man nix getan. Und so stehen halt die alten toten Bäume noch rum, während die neuen nachwachsen.

Unterhalb des Rachel-Gipfels steht das sehr hübsche Waldschmidthaus, das jedoch leider seit 2021 geschlossen hat – deswegen heute die Hammer-Etappe. Man munkelt, der Nationalpark habe das Haus gekauft und verschleppe Umbau und Wiedereröffnung. Nicht alle Menschen hier haben uneingeschränkte Sympathien für den Nationalpark…
Auf Schweinehunds Drängen hin machten wir auf dem dort noch rumstehenden Außen-Gastro-Mobiliar eine wunderschöne Pause, wobei uns jedoch ein frischer Wind durchaus nicht unerheblich um die Öhrchen pfiff.

Wenig später am Gipfel (hier sind irgendwie alle Gipfelkreuze „bemannt“) traf ich eine einheimische Wanderin, die erstens die gleichen Stiefelchen anhatte (das verbindet), zweitens für ihre Alpenüberquerung München-Venedig trainierte (Guten Weg!), mich drittens noch mal eben fotografierte (sehr freundlich) und dann fallen ließ: „Oh, zum Lusenschutzhaus, des is aber no a Stück!“. Ja, danke auch, weiß ich selber, um genau zu sein, 15 Kilometer und es war schon deutlich Nachmittag.

Es sah weit aus, sehr weit (helle Bergkuppe links neben dem rechten toten Baum). Also gab‘s ein Hörbuch auf die Ohren und für Schweinehund ein paar Apfellinge und dann begannen wir den Abstieg. Zurück im Wald folgten ziemlich viele, ziemlich langweilige Kilometer, die wir getrost überspringen können.

Spannend wurde es eigentlich erst wieder am Fuß des Lusen, fast am Ende der Etappe, als wir mitten im Wald über die gläserne Arche stolperten.

Dieses grenzüberschreitende Kunstprojekt ist Symbol für die Glaskunst des Bayerischen Waldes und den Schutz der Natur.

Als ich hinter der Arche um die Ecke bog, traute ich meinen Augen nicht: Die letzten beiden Kilometer bestanden aus einem schnurgeraden Weg, der senkrecht zum von großen Felsblöcken bedeckten Lusengipfel hochführte (Weg im Wald gut zu sehen auf dem letzten Foto).

Wie ich hörte, wird dieser Weg Himmelsleiter genannt und fanden dort früher Prozessionen auf den Gipfel statt. Ja, gut vorstellbar!

Auch ich erfuhr eine gewisse Läuterung, denn so ziemlich das letzte, was man nach 30 Kilometern und vielvielen Höhenmetern braucht, ist ein endlos erscheinender steiler Steintreppenweg, von dem man nicht genau weiß, ob er überhaupt irgendwann mal irgendwo ankommt.

Aber er tat es tatsächlich, nämlich genau am Gipfelkreuz dieses sehr besonderen Berges. Dort stand ich denn auch nach insgesamt 10 Stunden und genoss den 360° Rundblick.

Zum Schutzhaus war es dann nur noch ein Katzensprung. Dort gab es – neben der Ungläubigkeit der Umhersitzenden ob meiner absolvierten Etappe – noch eine schnelle Portion Käsespätzle und ne kurze Dusche, bevor ich – ja, wirklich – todmüde um acht ins Bett fiel. Aus die Maus.

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